Mit allen Sinnen: Kirche und Wein

Kirchen sind dafür gemacht, mit allen Sinnen wahrgenommen zu werden. Natürlich stehen Augen und Ohren dabei an erster Stelle. Das Licht, der Raum, Bilder und Symbole üben eine unmittelbare Wirkung aus, ebenso der Klang von Glocken, Gesang und Orgel. Aber auch die übrigen Sinne werden nicht vernachlässigt: die kühle Luft auf der Haut und der Duft von altem Gemäuer und Bienenwachskerzen gehören zu den typischen Wahrnehmungen beim Besuchen von Kirchen. Und manchmal gehört auch der Geschmack eines bestimmten Weins zur Kirche dazu. Das ist zwar eher die Ausnahme als die Regel und wenn es ihn gibt, dann findet sich der Wein zur Kirche auch nicht im Kirchengebäude selbst, sondern in der Umgebung (Abb. 1). Das kann ganz konkret bedeuten, dass es Weinberge in der Gegend gibt und die Namen und Lagen der Weine auf die Kirche Bezug nehmen. Die Bezüge zwischen Wein und Kirche können sich aber auch in der Ortsgeschichte finden und in den Geschichten, die daran anknüpfen.

Der Weinberg bei der Kirche: Wein und Abendmahl

Die stärkste Verbindung zwischen Kirchen und Wein ist das letzte Abendmahl in Jerusalem (Abb. 2), das Jesus in Gemeinschaft am Gründonnerstag gefeiert und als Sakrament eingesetzt hat (Abb. 3). Das Abendmahl (auch Herrenmahl, Eucharistie oder Kommunion genannt) ist ein wesentlicher Bestandteil des christlichen Gottesdienstes. Dafür werden Altäre gebaut und um sie herum Kirchen: für die Feier des Gottesdienstes der Gemeinden (Abb. 4). Brot oder ungesäuerte Oblaten aus Weizen und ein Kelch mit Wein sind die Abendmahlselemente, die nach biblischer Überlieferung und kirchlicher Tradition dafür nötig sind – auch wenn das sowohl zu Beginn der Kirchengeschichte als auch in jüngerer Zeit nicht selbstverständlich war und ist. Im Urchristentum bestand das Abendmahl einfach aus dem, was die Gemeindeglieder zum Gemeinschaftsmahl an Speisen und Getränken mitbrachten, und bis heute wird gelegentlich darüber diskutiert, ob es kultur- und ortsabhängig auch mit Walspeck oder Kokosnüssen gefeiert werden kann. Auch die Darreichungsformen variieren: So kamen in amerikanischen Kirchen 1894 aus Angst vor ansteckenden Krankheiten die ersten Einzelkelche zum Einsatz (Abb. 5). Brot und Weinkelch als Abendmahlselemente sind und bleiben jedoch von überragender Bedeutung. Darum betrieben Klöster, Bistümer und Pfarreien seit dem frühen Mittelalter selbst Weinbau, um Abendmahls- bzw. Messwein in guter Qualität zur Verfügung zu haben; so verdankt zum Beispiel das Burgund den Zisterzienser-Mönchen seinen ausgezeichneten Ruf als Weingegend (Abb. 6). In neu zu missionierenden Gebieten wurde eine Kirche gebaut und oft in der Nähe gleich ein Weinberg angelegt (Abb. 7); manchmal war es auch möglich, an lokale antike Traditionen anzuknüpfen.

Gemeinsam Trinken: Wein in der Antike

Der Ursprung des Weinanbaus lag wahrscheinlich im östlichen Mittelmeerraum, wo man ihn ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. als gesichert annehmen kann. Die Trauben des wilden Weinstocks (Vitis vinifera) sind schon lange zuvor von Menschen gesammelt und verzehrt worden; die domestizierte Pflanze wurde in zahllose Rebsorten aufgespalten. Der Weinstock gehört zur mediterranen Flora, gedeiht aber auch weiter nördlich in feuchterem und kühlerem Klima. In Palästina war der Weinanbau seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. ein wirtschaftlich wichtiger Faktor, der Wein wurde per Schiff u. a. nach Ägypten exportiert. Wein gehörte zusammen mit Olivenöl und Getreide zu den Grundnahrungsmitteln der antiken Bevölkerung, und der Wein aus Palästina war quasi einer der „Grand Cru Classé“-Weine des Alten Orients. In der Regel wurde der Wein in einem Verhältnis von 1:3 mit Wasser vermischt; ihn unvermischt zu trinken galt als barbarisch. Wein wurde nach griechischer Tradition nicht zum, sondern nach dem Essen beim „Symposion“ (griech. für „gemeinsames Trinken“) getrunken und sein Genuss war immer auch Ausdruck von Geselligkeit und Gemeinschaft. Nach dem Untergang des römischen Reiches übernahm die Kirche die Aufgabe der Bewahrung und Weiterentwicklung der Weinkultur.

Es ist ein Segen darin: Wein in der Bibel

Um Gemeinschaft untereinander und mit Gott geht es bei der zweiten Wurzel des Abendmahls im jüdischen Fest- und Passamahl. Dabei werden Brot und Wein gesegnet, bevor sie gemeinsam verzehrt werden. Wein und Brot gelten in der Bibel als Inbegriff von Wohlfahrt, und speziell der Weinstock ist eine der am häufigsten in der Bibel erwähnten Pflanzen. Wein gilt als ein ganz besonderer Segen und Genuss (Jes 65,8; Koh 9,7); in ihm wird der Mehrwert bäuerlicher Arbeit am stärksten erfahrbar. Noah, dem Urahn aller Menschen nach der Sintflut, haben seine Nachkommen nach biblischem Zeugnis den Weinbau zu verdanken – und auch bereits die Warnung vor den Wirkungen des Alkohols bei übertriebenem Weinkonsum (Gen 9,20-27). Nicht nur die Herstellung, sondern auch der Umgang mit Wein ist biblisch gesehen eine Kulturleistung. Der Bogen spannt sich von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis zur messianischen Heilszeit, die mit dem Kommen Jesu angebrochen ist. Ihm wurde vorgeworfen, ein Fresser und Weinsäufer zu sein (Mt 11,19). In der Geschichte vom Weinwunder bei der Hochzeit in Kana (Joh 2,1-11) weisen die Menge und die Qualität des Weins auf Jesus als den Messias Israels hin (Abb. 8).

Schmecket, wie freundlich der Herr ist: Wein in den Einsetzungsworten

Das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern feierte, war nach der Überlieferung ein jüdisches Passamahl und zugleich war es ein Abschiedsmahl und die Vorfeier des messianischen Freuden- und Hochzeitsmahls (Abb. 9). Der Abendmahlswein (flüssig, rot) wird in der kirchlichen Tradition oft ebenso direkt auf das Blut Jesu bezogen wie das Brot auf den Leib – was sich etwa in der Ablehnung von Weißwein und Traubensaft niederschlagen kann. Tatsächlich stellt Jesus in den neutestamentlichen Einsetzungsberichten (Mk 14,12-25 bzw. Mt 26,17-30 sowie Lk 22,7-23 und 1. Kor 11,23-25) nicht Brot und Wein in den Mittelpunkt, sondern Brot und Kelch. Es geht also weniger um ein Getränk, das bestimmte Eigenschaften haben müsste, um das Blut Jesu darzustellen, sondern um das, was damit geschieht: nehmen, danken, austeilen, trinken. Das gemeinschaftliche Empfangen und Trinken in evangelischen Kirchen schließt die Feiernden zu einem neuen Bund zwischen Gott und Menschen zusammen (Abb. 10). Die Gemeinschaft untereinander ist dadurch bestimmt, dass sich die Teilnehmenden auch gegenseitig die Sünden vergeben. Im Abendmahl erfahren die Feiernden also die Gegenwart Jesu, Frieden mit Gott und Versöhnung untereinander, wenn sie der Einladung folgen: Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist (Ps 34,9). In der katholischen Kirche darf der geweihte Wein seit dem Konzil von Konstanz 1415 nur vom Priester getrunken werden – und muss auch am Altar vollständig ausgetrunken werden; die geweihten Hostien werden im Tabernakel aufbewahrt (Abb. 11). Wenn es um Messwein geht, der nach römisch-katholischer Lehre im Messgottesdienst in das Blut Christi verwandelt, gelten in der katholischen Kirche bis heute feste Standards: Tafel- oder Landweine sind nicht erlaubt; gefordert wird Qualitäts- oder Prädikatswein.

Das Gottesvolk Israel und der Christus: Weinstock und Reben

Trauben waren der wichtigste Schmuck des Herodianischen Tempels, der wiederum ein Urbild des Kirchenbaus ist. Weinstock und Weintraube stehen ikonographisch für das Gottesvolk Israel (Ps 80,9-17) und sind ebenso ein Symbol für Jesus Christus, der als Messias Israels von sich sagt (Joh 15,5): „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Aber auch die Kelter ist ein Christusmotiv, und zwar für die Passion des leidenden Schmerzensmanns, der sein Blut zum Heil der Menschen vergießt (Abb. 12). Wenn das Kreuz als Baum des Lebens dargestellt wird, ist dieser Lebensbaum oft ein Weinstock (Abb. 13), ebenso die Pflanze, die aus der Wurzel Jesse sprießt und den Stammbaum Jesu darstellt (Abb. 14). Heilige wie Maternus und Otmar von Sankt Gallen gelten darüber hinaus als Patrone des Weinbaus und werden mit den entsprechenden Attributen dargestellt. Vor allem in Weinbauregionen wird auf alle diese symbolischen Bedeutungen vielfach angespielt, und die entsprechenden Darstellungen kommen in der Ausstattung von Kirchen häufig vor. Auch ein „Wein zur Kirche“ (manchmal sogar mehrere), mit dem sich eine Kirche nicht nur sehen, hören, riechen und fühlen, sondern in der Erinnerung an oder Vorfreude auf ihren Besuch auch schmecken lässt, findet sich naturgemäß vor allem in Gegenden, wo Weinbau betrieben wird. Unabhängig von lokalen Traditionen werden besondere Ereignisse in der Kirchengeschichte nicht nur mit Festschriften, sondern gerne auch mit Weineditionen gefeiert (Abb. 15).

Quellen

  • Becker, Lothar: Rebe, Rausch und Religion, Münster 1999.
  • Katholisch.de: Göttlicher Tropfen. Katholische Bischöfe heben Messweinverordnung auf, 2014, https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/gottlicher-tropfen, abgerufen 07.05.2019.
  • Noé, Jean-Baptiste: Histoire du Vin et de l’Eglise, 2013.
  • Sachs, Hannelore et al.: Christliche Ikonographie in Stichworten, München/Berlin 1996.
  • Schubert, Anselm: Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls, München 2018.
  • Staubli, Thomas und Klinghardt, Matthias: Wein, in: Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh 2009.
  • Stork, Hans-Walter: Wein, in: LThK, 10. Band, Sp. 1027 ff., Freiburg 2006.
  • Thomas, A.: Kelter, Mystische, in: Lexikon der christlichen Ikonographie, 2. Band, Sp. 497 ff., Freiburg 1968.
  • Universität Hohenheim, Fachgebiet Evangelische Theologie (Hg.): Pflanzen der Bibel. Ausstellung, Stuttgart-Hohenheim 2004.
Abb. 1: Michaelsberg, Cleebronn
Abb. 2: Dominus Flevit, Jerusalem
Abb. 3: Abendmahlsfenster, St Mary’s Church, Conwy
Abb. 4: Altar mit Weinreben, Autobahnkirche St. Christophorus Baden-Baden
Abb. 5: Abendmahlstisch mit Brot und Wein (Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen)
Abb. 6: Wegkreuz im Burgund
Abb. 7: Kapitelsaal Kloster Bebenhausen
Abb. 8: Hochzeit von Kana, Dom Hildesheim
Abb. 9: Abendmahl mit Passalamm (Lucas Cranach), Stadtkirche Wittenberg
Abb. 10: Abendmahlsfeier, Gemeindezentrum Hohenheim, Stuttgart
Abb. 11: Tabernakel mit Weintraube und Kornähre, St. Michael, Wüstensachsen
Abb. 12: „Christus in der Kelter“, St. Peter und Paul, Bad Bellingen
Abb. 13: Parament mit Kreuz, Weinstock und Ähre
Abb. 14: Stammbaum Jesu als Weinstock, Llandaff Cathedral, Cardiff
Abb. 15: Weinabfüllung zur Erinnerung an das 500. Reformationsjubiläum
 
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TuK Bassler
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