Shakespeares Kirchen

Shakespeare in England und Deutschland

William Shakespeare (Abb. 1) ist mehr als der Nationaldichter Englands und Mitschöpfer der englischen Sprache. Obwohl er seine Heimatinsel vermutlich nie verlassen hat, finden Menschen rund um den Globus sich, ihre Sehnsüchte und ihre Abgründe immer wieder neu in seinen Werken wieder. Für das moderne Europa sind sie so etwas wie die griechischen Mythen für die Antike: „unser kulturelles Gedächtnis. Und besonders für Deutschland gilt: Sie stehen an der Wiege unserer eigenen modernen Literatur. … Für uns wurde er sogar wichtiger als für die Briten. Ohne den Bezug auf Shakespeare können wir uns nicht verstehen. Er ist für uns … eine Gründungsgestalt wie Moses für die Juden und Aeneas für die Römer. (Man sieht an diesen beiden Beispielen: Solche Gründungsgestalten gehören logischerweise nicht zu den Völkern, die sie erst schaffen. Moses ist Ägypter und Aeneas Trojaner),“ meint – zugespitzt aber nicht ohne Anhalt – der Schriftsteller und Anglist Dietrich Schwanitz. Grund genug also, auf einer deutsch-englischen Kirchen-Website Shakespeare und seine Kirchen zu thematisieren.

Kirche zur Zeit Shakespeares

In den Kirchenbüchern von Stratford-upon-Avon ist eingetragen, dass William Shakespeare am 26. April 1564 getauft und damit als Gemeindeglied in die Church of England aufgenommen wurde. Der Eintrag enthält keine Angaben über sein Geburtsdatum und es geht auch nicht daraus hervor, welche Beziehung seine Eltern zu dieser Kirche hatten, in die sie ihn brachten - einer Kirche, die nur sechs Jahre zuvor noch als ketzerisch gegolten hatte. Die Gemeinde war wie ganz England durch religiös turbulente Zeiten gegangen und hatte die extremen Ausschläge noch in frischer Erinnerung: Heinrich VIII. hatte in den 1530er Jahren mit der Kirche in Rom gebrochen, sich selbst zum Oberhaupt der Kirche erklärt und die Reformation in erster Linie als Auflösung der Klöster und Aneignung des Kirchenguts betrieben – immerhin hatte ein Drittel des Grundbesitzes in England der Kirche gehört. Nach seinem Tod 1547 wurde unter der Regentschaft seines Sohn Edward VI. die protestantische Ausrichtung theologisch profilierter und außerdem rigoros im Alltag der Gläubigen durchgesetzt. Der Straßburger Reformator Martin Bucer kam als Professor nach Cambridge, die lateinische Messe wurde abgeschafft und durch das Book of Common Prayer ersetzt, die Kommunion in beiderlei Gestalt wurde eingeführt. Statuen, Bilder und Altäre wurden aus Kirchen entfernt, farbige Glasfenster durch Klarglas ausgetauscht und Wandmalereien hatten zu verschwinden: Williams Vater John musste im Auftrag der Stadt das Jüngste Gericht in der Zunfthauskapelle von Stratford eigenhändig übertünchen.

Doch Heinrichs Sohn und Nachfolger Edward starb vorzeitig und seine römisch-katholische Halbschwester Maria, die Tochter von Heinrichs erster Frau Katharina von Aragon, gelangte 1553 auf den Thron. Mit Gewalt machte sie alle Reformen rückgängig, setzte protestantische Priester und Bischöfe ab und verurteilte zahlreiche Gegner zum Scheiterhaufen – was ihr den Beinamen „Bloody Mary“ eintrug. Mit ihr starb auch die Rückkehr Englands zum Katholizismus. 1558 schließlich – nur sechs Jahre vor Williams Taufe – wurde ihre Halbschwester Elisabeth Königin, England wieder evangelisch und alle römisch-katholischen Sympathien verdächtig. Diese wiederholten Erschütterungen des religiösen Rahmens der Gesellschaft und alles dessen, was dem einzelnen Menschen Sinn, Halt und Orientierung gibt, hatten ihre Spuren hinterlassen. Die Generation, die als erstes den Hamlet auf der Bühne sah, hat die Sicherheit und Stabilität eines Glaubens ihrer Vorfahren nie gekannt.

Shakespeare in Stratford-upon-Avon

In diese Zeit wurde William Shakespeare hineingeboren (Abb. 2). Heute wird sein Geburtstag am 23. April gefeiert – ein in zweifacher Hinsicht bedeutendes Datum, das zudem noch den Vorteil hat, historisch auch nicht unwahrscheinlicher zu sein als die Tage davor oder danach. Der 23. April ist einerseits der Gedenktag des englischen Nationalheiligen Georg, andererseits starb Shakespeare auf den Tag genau 52 Jahre später, ebenfalls in Stratford (Abb. 4). Getauft und konfirmiert wurde er jedenfalls in der dortigen Holy Trinity Church (Abb. 3), und zwar nach der Agende des Book of Common Prayer, an dessen Überarbeitung in Hampton Court er später als Vierzigjähriger beteiligt war. In Stratford besuchte er die Lateinschule, wo es zu den ersten Übungen für ihn und seine Mitschüler gehörte, Psalmen und Sprüche Salomos ins Lateinische zu übersetzen – vielleicht ist deshalb der Psalter der Teil der Bibel, auf den Shakepeare am häufigsten anspielt.

Katholizismus in Shakespeares Familie?

Während die Einflüsse von Texten aus Bibel und Gottesdienst auf Shakespeares Schaffen unverkennbar sind, kann über die Bedeutung seiner Familie auf sein Verhältnis zur Kirche ebenso wenig Gesichertes ausgesagt werden wie über seine persönlichen Glaubensüberzeugungen. Im 18. Jahrhundert tauchte ein Dokument auf, dessen Echtheit nie abschließend bewiesen werden konnte, das Williams Vater John als einen Kryptokatholiken, also einen heimlichen Anhänger des römischen Katholizismus ausweist: ein sogenanntes „Geistliches Testament“, das die Jesuiten in den 1580er Jahren in Umlauf brachten. Dieses Papier war eine Art „Versicherungspolice“ für die katholische Seele, für den Fall, dass sie ohne katholische Sterbesakramente plötzlich dem Tod gegenübersteht und keine rituelle Gelegenheit mehr hat, ihre Sünden zu bereuen und zu tilgen. Umso länger – das war die damit verbundene Angst – wird dann nämlich die qualvolle Zeit im Fegefeuer sein, in dem die ungetilgten Sünden weggebrannt werden. Dementsprechend werden in diesem Testament die Angehörigen des sich zum Katholizismus bekennenden Unterzeichners gebeten, ihm „mit ihren frommen Gebeten und sühnenden Werken zu helfen und beizustehen, insbesondere durch das heilige Messopfer,“ (Greenblatt) – was streng verboten war, denn Elisabeth fürchtete nicht zu Unrecht katholisch motivierte Putschversuche und Terroranschläge.

Ob William etwas von einem solchen Testament wusste und ob er gar ähnliche Überzeugungen hatte, ist nicht bekannt. Gegen die These, dass er ebenfalls kryptokatholische Sympathien hegte, spricht u. a. seine Heirat mit Anne Hathaway Ende 1582 (er war 18 Jahre alt und sie 26 und schwanger – was aber nicht ungewöhnlich war), denn Annes Angehörige galten als besonders engagierte Anhänger der Church of England: Ihr Bruder und seine Söhne waren ehrenamtliche Kirchenpfleger. Sowohl das erste Kind des Paares, Susanna, als auch die 1585 geborenen Zwillinge Judith und Hamnet wurden in der Holy Trinity Church in Stratford-upon-Avon (Abb. 3) getauft. Williams Beziehung dorthin riss nie ab, dort lebten seine Eltern, seine Frau und seine Kinder (lange unter einem Dach), dort erwarb er sich Grundbesitz – auch wenn er sich erst gegen Ende seines Lebens wieder in Stratford niederließ.

Shakespeare-Kirchen in London

Den größten Teil seines Lebens verbrachte Shakespeare in London und dort sind eine Reihe von Kirchen mit ihm assoziiert:

St Helen’s Bishopgate (Abb. 5) war in den 1590er Jahren William Shakespeares Gemeindekirche, wo er vermutlich allein schon deshalb regelmäßig die Gottesdienste besuchte, weil die Teilnahme daran wie überall in England verpflichtend war.

Auch im Gemeindebezirk von St Andrew by the Wardrobe (Abb. 6) besaß William Shakespeare ein Haus. Daran erinnert ein Denkmal in der Kirche (Abb. 7).

Southwark Cathedral (Abb. 8) – zu Shakespeares Zeit noch St Mary Overy („over the river“) – war die Gemeindekirche von Shakespeares Bruder Edmund, der hier 1607 beerdigt wurde. In der heutigen Kathedrale steht ein Shakespeare-Denkmal (Abb. 9) unter einem Shakespeare-Gedenk-Fenster – beide aus dem 20. Jahrhundert. Daneben erinnert ein Denkmal an Sam Wanamaker, der in den 1990er Jahren das Globe Theatre in der Nähe der Kathedrale wiedererrichten ließ.

In der Nähe von St Giles without Cripplegate (Abb. 10) logierte Shakespeare Anfang des 17. Jahrhunderts bei der Hugenotten-Familie Mountjoy. Die beiden Söhne seines Bruders Edmund wurden in der Kirche getauft.

St Paul’s Cathedral (Abb. 11) stand im Zentrum des Londoner Buchhandels: Hier kaufte Shakespeare die Bücher, die ihm als Quellen dienten und hier wurden die Erstausgaben seiner Werke gehandelt.

St Mary Aldermanbury war die Gemeindekirche von Henry Condell und John Heminge. Die beiden Schauspielerkollegen und Freunde Shakespeares veröffentlichten sieben Jahre nach dessen Tod die First-Folio-Ausgabe seiner Werke und wurden auf dem angrenzenden Friedhof begraben. Heute erinnert im Garten um die Kirchenruine ein Denkmal an sie, das von einer Shakespeare-Büste bekrönt wird (Abb. 12).

In der Middle Temple Hall neben der Temple Church (Abb. 13) fand am 2. Februar 1602 die erste schriftliche belegte Aufführung von Twelfth Night statt.

Hamlet zwischen Katholizismus und Protestantismus

Es ist jedoch ein anderes – im Globe Theatre uraufgeführtes – Stück, das Shakespeares Auseinandersetzung mit den kirchlichen Bekenntnissen und Konflikten seiner Zeit am eindrücklichsten widerspiegelt: Hamlet. Innerlich musste der Autor noch erschüttert gewesen sein vom Tod seines Sohnes, der 1596 im Alter von 11 Jahren gestorben war: Der dem Untergang geweihte Held seiner 1600 entstandenen Tragödie trägt dessen Namen (die damalige Rechtschreibung machte keinen Unterschied zwischen Hamnet und Hamlet). Zudem erhielt er zur Zeit der Abfassung von Hamlet Nachricht, dass sein alter Vater in Stratford ernstlich erkrankt war. William schaute also zurück auf den Tod seines Sohnes und voraus auf den Tod seines Vaters – „Looking before and after“ (4.4.37)  – in einem Jahr 1600, das die Bilanz des alten Jahrhunderts zog, in dem der Streit zwischen den Konfessionen seinen Anfang nahm, und auf das neue Jahrhundert vorausblickte, das für England das absehbare und gefürchtete Problem der Thronfolge der kinderlosen Elisabeth bereithielt. Während Katholiken und Protestanten im Land um Einfluss rangen, schrieb Shakespeare vom Geist eines Vaters, der aus dem – katholischen – Fegefeuer heraus das Schicksal seines in Wittenberg studierenden – protestantischen – Sohnes bestimmen will. Dem Geist ist das widerfahren, was die Katholiken am meisten fürchteten und vor dem das „Geistliche Testament“ der Jesuiten schützen sollte: Er ist plötzlich aus dem Leben gerissen worden, ohne durch Reue und Sterbesakramente seine Sündenlast verringern zu können, und jetzt zahlt er im Fegefeuer den vollen Preis dafür. Dieser Geist bittet jedoch nicht um Messen, sondern verlangt Rache.

Nach protestantischer Lehre gibt es keine Geister von Verstorbenen, so wenig wie es das Fegefeuer gibt. Jeder Kontakt, jede Einflussnahme der Lebenden auf das Schicksal der Toten ist damit unmöglich geworden. So sehr Hamlet zunächst überzeugt und überwältigt ist von der Erscheinung seines Vaters, so bald kommen ihm doch Zweifel, ob der Geist nicht ein Trugbild des Teufels ist, der ihn zu Taten anstacheln will, die ihn ins Verderben führen sollen. Durch die Inszenierung des Spiels im Spiel sucht er eine unabhängige Bestätigung für die Behauptung des Geistes, aber auch dadurch findet er keinen Ausweg aus dem Wahnsinnskreislauf von Aufschub, Selbstvorwürfen, Nichthandeln und neuen Selbstvorwürfen, in die ihn der Geist seines Vaters gestürzt hat.

Vom Alten nicht mehr getragen und getröstet, am Neuen interessiert, aber nicht darin beheimatet, bringt Hamlet die religiöse Unsicherheit und Verwirrung seiner Zeit auf den Punkt: „The time is out of joint - Die Zeit ist aus den Fugen“ (1.5.188).

 

TuK Bassler, Visit-a-Church.info

Quellen und Literatur

William Shakespeare: Hamlet, Band 1, Englisch/Deutsch, hg., übersetzt und kommentiert von Holger M. Klein, Stuttgart 1984.

Jonathan Bate & Dora Thornton: Shakespeare. Staging the World, London 2012.

City of London: City Walk – Shakespeare's London.

Stephen Greenblatt: Will in der Welt. Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde, Berlin 2004.

Neil MacGregor: Shakespeare's Restless World, London 2012.

Lois Potter: The Life of William Shakespeare. A Critical Biography, Chichester 2012.

Dietrich Schwanitz: Shakespeares Hamlet und alles, was ihn für uns zum kulturellen Gedächtnis macht, Frankfurt 2006.

Daniel Swift: Shakespeare's Common Prayers. The Book of Common Prayer and the Elizabethan Age, Oxford 2013.

Abb. 1: William Shakespeare, 1564 – 1616
Abb. 2: Shakespeares Geburts- und Wohnhaus
Abb. 3: Holy Trinity Church, Stratford-upon-Avon
Abb. 4: Shakespeares Grab in der Holy Trinity Church
Abb. 5: St Helen’s Bishopsgate
Abb. 6: St Andrew by the Wardrobe
Abb. 7: St Andrew by the Wardrobe, Shakespeare-Epitaph
Abb. 8: Southwark Cathedral
Abb. 9: Shakespeare-Denkmal in der Southwark Cathedral
Abb. 10: St Giles Cripplegate
Abb. 11: St Paul’s Cathedral
Abb. 12: Shakespeare-Büste an der ehemaligen Kirche St Mary Aldermanbury
Abb. 13: Temple Church
 
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TuK Bassler
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